Was „Mami“, „fleißige Biene“ und „Kummerkasten“ mit deiner Position als Führungskraft zu tun haben
Eine meiner Kundinnen sagte im Coaching: „Ich bin jetzt auch nicht mehr die Liesl im Unternehmen, sondern die Elisabeth.“ Ein anderer Name. Und eine andere Position. Denn wie wir uns selbst bezeichnen und welche Bezeichnungen wir akzeptieren, sagt auch etwas darüber aus, welche Rolle wir im Unternehmen einnehmen.
„Meine Kundinnen sind meine Mausis.“
„In meinem Unternehmen bin ich die Mami.“
„Für meinen Chef bin ich immer verfügbar.“
„Für meine Kollegen bin ich der Kummerkasten.“
Solche Sätze höre ich immer wieder. Sie klingen zunächst sympathisch, fürsorglich, vielleicht sogar ein bisschen liebevoll. Schließlich ist nichts falsch daran, sich um andere zu kümmern, empathisch zu sein oder für Menschen ein offenes Ohr zu haben.
Aber: Was passiert, wenn daraus eine Rolle wird?
Welche Rolle hast du übernommen?
Manche Rollen schreiben wir uns selbst zu. Andere bekommen wir von unserem Umfeld zugeschrieben und übernehmen sie automatisch.
Die „Mami“ kümmert sich. Sie schaut, dass es allen gut geht, denkt mit, fängt auf und übernimmt Verantwortung, die andere durchaus selbst tragen könnten.
Die „fleißige Biene“ ist verfügbar. Auch dann, wenn sie eigentlich Feierabend hat oder längst andere Prioritäten setzen müsste.
Der „Kummerkasten“ hört zu, fängt Emotionen auf und wird irgendwann zur Anlaufstelle für alles, was im Unternehmen gerade schwierig ist.
Und wer seine Kundinnen als „Mausis“ bezeichnet, mag das herzlich meinen. Trotzdem steckt darin eine Positionierung: Ich bin diejenige, die Bescheid weiß – und die andere ist meine kleine „Mausi“.
Auch solche Rollen können Anerkennung bringen. Nur wirst du dann möglicherweise dafür geschätzt, dass du immer verfügbar bist, alles auffängst, dich kümmerst oder anderen Verantwortung abnimmst. Das ist etwas anderes, als für deine Position, deine Kompetenz und deine Persönlichkeit respektiert zu werden.
Die Mami bin ich zu Hause
Ich bin selbst Mami. Zu Hause. Und dort bin ich es sehr gerne.
Im Unternehmen bin ich es nicht.
Es geht mir deshalb ausdrücklich nicht darum, Fürsorge oder Empathie aus Führung herauszuhalten. Diese Qualitäten dürfen Frauen selbstverständlich mitbringen und leben. Die Frage ist, aus welcher Position heraus ich sie lebe.
Es macht einen Unterschied, ob ich als Führungskraft empathisch handle oder mich für meine Mitarbeitenden verantwortlich fühle wie eine Mutter für ihre Kinder. Ob ich unterstütze oder Verantwortung abnehme. Ob ich zuhöre oder zum Kummerkasten für alles werde.
Wenn ich mich als diejenige sehe, die für alle da sein muss, wird ein Nein schwieriger. Definiere ich mich über permanente Verfügbarkeit, lande ich schnell im Hamsterrad. Und wenn ich Verantwortung für die Befindlichkeiten und Probleme anderer übernehme, verschwimmt die Grenze zwischen deren Verantwortung und meiner.
Diese Grenzenlosigkeit funktioniert in beide Richtungen. Ich kann Grenzen anderer überschreiten, indem ich ihnen Verantwortung abnehme, die ihnen gehört. Gleichzeitig kann ich zulassen, dass meine Grenzen überschritten werden, weil ich meine Rolle darin sehe, immer verfügbar zu sein.
Daraus können Verletzungen und Konflikte entstehen.
Wer bist du, wenn du nicht mehr die Mami bist?
Aus solchen Rollen herauszukommen bedeutet nicht, plötzlich distanziert aufzutreten oder aus der „Mami“ eine besonders harte Chefin zu machen. Dann würde ich lediglich eine Rolle gegen eine andere austauschen.
Die Auseinandersetzung beginnt bei der eigenen Haltung:
- Wer bin ich als Persönlichkeit?
- Wer bin ich in meiner Führungsrolle?
- Für welche Werte stehe ich?
- Wie möchte ich im Unternehmen und nach außen auftreten und wahrgenommen werden?
Mit dieser Klärung verändert sich auch das eigene Verhalten. Ich setze andere Grenzen und muss Anerkennung nicht dadurch herstellen, dass ich mich permanent verfügbar mache oder für alles und jeden verantwortlich fühle.
Deshalb gefällt mir das Beispiel meiner Kundin so gut.
„Ich bin jetzt auch nicht mehr die Liesl im Unternehmen, sondern die Elisabeth.“
Von außen betrachtet eine Kleinigkeit. Für sie war es Ausdruck einer veränderten Position: Sie hatte begonnen, sich selbst anders zu sehen und entsprechend anders aufzutreten.
Es lohnt sich, die Namen und Rollen genauer anzuschauen, die im beruflichen Alltag irgendwann selbstverständlich geworden sind.
Nicht, weil „Mami“, „Mausi“, „fleißige Biene“ oder „Kummerkasten“ per se falsch wären. Entscheidend ist, ob diese Rolle tatsächlich die Position beschreibt, aus der du führen und wirken möchtest.
Wenn du merkst, dass du beruflich noch zu oft eine Rolle erfüllst, statt deine eigene Position als Führungspersönlichkeit einzunehmen, können wir dort ansetzen. In meiner Führungsanalyse schauen wir gemeinsam darauf, was dich aktuell in deiner Wirkung begrenzt und wo du etwas verändern kannst.
Q&A
Welche Rollen übernehmen Frauen häufig im beruflichen Umfeld?
Frauen übernehmen im beruflichen Umfeld häufig soziale Rollen, in denen Fürsorge, Verfügbarkeit oder emotionale Verantwortung im Vordergrund stehen. Sie werden beispielsweise zur „Mami“ im Team, zur immer verfügbaren „fleißigen Biene“ oder zum „Kummerkasten“ für Kolleg:innen. Solche Rollen können selbst gewählt, von anderen zugeschrieben oder mit der Zeit selbstverständlich übernommen werden.
Warum können Rollen wie „Mami“ oder „Kummerkasten“ für Führungskräfte problematisch werden?
Problematisch werden diese Rollen, wenn sie die eigene Führungsposition überlagern. Wer sich für alles verantwortlich fühlt, ständig verfügbar ist oder anderen regelmäßig Verantwortung abnimmt, setzt weniger klare Grenzen. Anerkennung entsteht dann möglicherweise vor allem für Fürsorge und Verfügbarkeit und weniger für die eigene Position, Kompetenz und Führungspersönlichkeit.
Kann eine Führungskraft fürsorglich und empathisch sein, ohne die „Mami“ im Team zu werden?
Ja. Empathie und Fürsorge gehören für mich ausdrücklich zu guter Führung. Entscheidend ist, aus welcher Position heraus sie gelebt werden. Eine Führungskraft kann zuhören, unterstützen und Verständnis zeigen, ohne Verantwortung zu übernehmen, die bei den Mitarbeitenden selbst liegt.
Wie komme ich als Führungskraft aus der „Mami-Rolle“ heraus?
Der erste Schritt ist die Klärung der eigenen Haltung: Wer bin ich als Persönlichkeit und als Führungskraft? Für welche Werte stehe ich? Wie möchte ich führen und wahrgenommen werden? Eine klare eigene Position erleichtert es, Grenzen zu setzen und nicht automatisch Verantwortung für Probleme und Befindlichkeiten anderer zu übernehmen.
Was hat Selbstpositionierung mit Führung zu tun?
Selbstpositionierung beeinflusst, wie eine Führungskraft auftritt, welche Grenzen sie setzt und welche Rollen sie im Unternehmen übernimmt. Wer die eigene Führungsrolle und die persönlichen Werte geklärt hat, kann bewusster entscheiden, wann Unterstützung sinnvoll ist und wo die Verantwortung bei anderen bleiben muss.
Warum ist permanente Verfügbarkeit keine Voraussetzung für gute Führung?
Permanente Verfügbarkeit kann dazu führen, dass eine Führungskraft immer mehr Verantwortung übernimmt und im operativen Hamsterrad landet. Gute Führung bedeutet nicht, jederzeit für alles zuständig zu sein. Klare Verantwortlichkeiten und Grenzen gehören ebenso zur Führungsrolle wie Unterstützung und Empathie.
Was haben Bezeichnungen wie „Mami“, „fleißige Biene“ oder „Kummerkasten“ mit der eigenen Wirkung zu tun?
Solche Bezeichnungen können sichtbar machen, welche soziale Rolle jemand im Unternehmen eingenommen hat. Entscheidend ist nicht das einzelne Wort, sondern das damit verbundene Selbstverständnis und Verhalten. Deshalb lohnt sich die Frage, ob diese Rolle tatsächlich der Position entspricht, aus der man führen und wahrgenommen werden möchte.
